Warum viele Frauen in Führung zwischen 45 und 55 ihre Richtung neu bestimmen
In vielen Coachinggesprächen mit erfahrenen Führungskräften taucht ein Phänomen auf, das zunächst irritierend wirkt. Frauen, die über Jahre hinweg leistungsstark, strukturiert und erfolgreich gearbeitet haben, berichten plötzlich von Veränderungen, die sie kaum einordnen können.
Die Energie schwankt.
Der Wille funktioniert nicht mehr wie früher.
Strategien, die über Jahrzehnte zuverlässig funktioniert haben, greifen plötzlich nicht mehr.
Viele interpretieren diese Phase zunächst als persönliches Problem oder als Zeichen von Überforderung. Doch aus biologischer, psychologischer und entwicklungsbezogener Perspektive lässt sich diese Lebensphase auch anders betrachten: als eine Phase tiefgreifender Neuorientierung und Persönlichkeitsentwicklung.
Die biologische Dimension: Wenn sich das System neu organisiert
Die Perimenopause – also die Phase vor und um die letzten Menstruationszyklen – beginnt häufig zwischen dem 45. und 55. Lebensjahr und ist durch komplexe hormonelle Veränderungen geprägt.
Besonders relevant sind Schwankungen der Hormone Östrogen und Progesteron, die zahlreiche Prozesse im Körper beeinflussen.
Östrogen spielt unter anderem eine wichtige Rolle für:
- Neuroplastizität im Gehirn
- Gedächtnisfunktionen
- emotionale Regulation
- Stressverarbeitung im Nervensystem
Neurowissenschaftliche Studien zeigen, dass sich während der Menopause tatsächlich neuronale Netzwerke im Gehirn neu organisieren. Bildgebende Verfahren konnten Veränderungen in Hirnregionen nachweisen, die mit Gedächtnis, emotionaler Verarbeitung und Stressregulation zusammenhängen.
Viele Frauen berichten deshalb in dieser Zeit über:
- erhöhte Sensibilität gegenüber Stress
- Veränderungen im Energiehaushalt
- Schlafstörungen
- Konzentrationsschwierigkeiten oder sogenannten „Brain Fog“
Studien zeigen, dass bis zu 40–60 % der Frauen während der Perimenopause über kognitive Veränderungen berichten. Diese Symptome sind kein individuelles Versagen, sondern Ausdruck einer physiologischen Anpassungsphase des Körpers.
Die psychologische Dimension: Jungs Konzept der zweiten Individuation
Der Schweizer Psychiater Carl Gustav Jung beschrieb die Lebensmitte als eine Phase, in der sich die Persönlichkeitsentwicklung erneut vertieft.
Während die erste Lebenshälfte häufig von Anpassung an äußere Anforderungen geprägt ist – Ausbildung, Karriere, Familie – richtet sich der Fokus in der zweiten Lebenshälfte stärker nach innen.
Jung bezeichnete diesen Prozess als Individuation: die zunehmende Integration verschiedener Persönlichkeitsanteile und die Annäherung an das eigene Selbst.
Viele Menschen erleben diesen Prozess in der Lebensmitte besonders intensiv. Alte Rollen, Erwartungen oder Identitäten verlieren an Bedeutung, während neue Fragen auftauchen:
- Was entspricht mir wirklich?
- Welche Form von Arbeit fühlt sich noch stimmig an?
- Welche Werte möchte ich künftig stärker leben?
In der psychologischen Forschung wird diese Phase häufig als zweite Individuation beschrieben. Die hormonellen Veränderungen der Wechseljahre können diesen inneren Prozess zusätzlich verstärken, weil sie bisherige Funktionsweisen des Körpers und des Nervensystems verändern.
Führung in der Lebensmitte: Von Kontrolle zu Bewusstheit
Gerade Frauen in Führungspositionen sind von dieser Phase häufig besonders betroffen.
Viele von ihnen haben über Jahre hinweg mit hoher Disziplin, Verantwortungsbewusstsein und Leistungsbereitschaft gearbeitet. In der Perimenopause kann sich dieses Muster verändern.
Strategien, die stark auf Willenskraft, Kontrolle und permanenter Leistungsfähigkeit beruhen, verlieren teilweise ihre Wirkung. Gleichzeitig entstehen Raum und Sensibilität für andere Qualitäten:
- stärkere Selbstwahrnehmung
- klarere Werteorientierung
- ein differenzierteres Verständnis von Beziehungen und Systemen
- mehr Intuition und strategische Weitsicht
In der Coachingpraxis zeigt sich häufig, dass Führungskräfte in dieser Phase beginnen, ihre Rolle neu zu definieren. Sie hinterfragen bisherige Karrierewege und suchen nach Formen der Arbeit, die besser zu ihrer Persönlichkeit und Lebensphase passen.
Diese Entwicklung kann zu einer neuen Form von Leadership führen – weniger geprägt von permanentem Leistungsdruck und stärker von Bewusstheit, Klarheit und innerer Orientierung.
Warum dieses Thema auch für Unternehmen relevant ist
Die Wechseljahre sind kein Randthema. Sie betreffen einen großen Teil der erfahrensten und qualifiziertesten Mitarbeiterinnen in Organisationen.
Viele Frauen erreichen ihre beruflichen Spitzenpositionen genau in der Lebensphase, in der diese körperlichen und psychologischen Veränderungen auftreten.
Für Unternehmen bedeutet das:
- Ein großer Teil der Führungserfahrung und Expertise liegt in dieser Altersgruppe.
- Fehlendes Verständnis für diese Lebensphase kann zu unnötigem Leistungsdruck und erhöhter Burnout-Gefahr führen.
- Gleichzeitig eröffnet diese Phase häufig neue Qualitäten von Führung – etwa stärkere Reflexionsfähigkeit, strategisches Denken und werteorientierte Entscheidungen.
Organisationen, die diese Entwicklungsphase verstehen und unterstützen, können deshalb nicht nur die Gesundheit ihrer Mitarbeiterinnen stärken, sondern auch wertvolle Leadership-Kompetenzen langfristig sichern.
Eine Phase der Transformation – nicht des Verlusts
Die Wechseljahre werden gesellschaftlich häufig mit Defiziten oder Einschränkungen verbunden.
Aus entwicklungspsychologischer Perspektive lässt sich diese Lebensphase jedoch auch als Transformationsprozess verstehen.
Viele Frauen berichten rückblickend, dass sie in dieser Zeit eine neue Klarheit entwickeln:
- über ihre Prioritäten
- über ihre berufliche Rolle
- über ihre persönlichen Werte
Was zunächst wie ein Kontrollverlust erscheint, kann sich damit als Beginn einer neuen Form von Selbstbestimmung erweisen.
Gerade für Frauen in Führungspositionen eröffnet diese Phase die Möglichkeit, Leadership neu zu denken – weniger als permanente Leistung und stärker als bewusste Gestaltung von Mensch, Raum und System.
Fachliche Perspektive der Autorin
Dieser Beitrag basiert sowohl auf wissenschaftlicher Literatur als auch auf meiner eigenen Arbeit in Coaching, Leadership-Entwicklung und Burnout-Prävention.
Meine Perspektive verbindet Erkenntnisse aus Psychologie, Coachingforschung und Gesundheitswissenschaften mit der praktischen Begleitung von Führungskräften und Organisationen. Grundlage dafür sind unter anderem meine Ausbildungen und Zertifizierungen im systemischen Coaching, in Burnout-Prävention sowie im Bereich Entspannungs- und Resilienztraining.
Darüber hinaus fließen Erkenntnisse aus meiner wissenschaftlichen Arbeit im Rahmen meines Masterstudiums im Bereich Coaching und Leadership ein.
Diese Verbindung von Forschung, Ausbildung und Praxis ermöglicht eine Perspektive, die sowohl wissenschaftlich fundiert als auch unmittelbar anschlussfähig für die Realität von Führungskräften und Unternehmen ist.
Literatur (Auswahl)
Antonovsky, A. (1997). Salutogenese – Zur Entmystifizierung der Gesundheit.
Jung, C. G. (1959). The Archetypes and the Collective Unconscious.
Soares, C. N., & Maki, P. M. (2022). Menopause and Brain Health.
North American Menopause Society (2023). Menopause Practice Guidelines.
Schermuly, C. (2020). Psychologie der Macht.
